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Studierende der Istanbul Bilgi Üniversitesi auf DAAD-Studienreise

 

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Europäische und deutsche Politik an Spree und Oder

Studierende der Istanbul Bilgi Üniversitesi auf DAAD-Studienreise

Fragen der Europapolitik und der deutsch-türkischen Beziehungen standen vom 9. bis 16. Juni 2013 im Mittelpunkt einer Studienreise des Europa-Instituts der Istanbul Bilgi Üniversitesi nach Berlin und Frankfurt an der Oder. Die Reise mit 15 Studentinnen und Studenten wurde vom DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert und von Peter Widmann, Fachlektor für Politikwissenschaft an der Bilgi-Universität, organisiert. Die Studierenden aus den Programmen für Internationale Beziehungen, Europastudien, Politik- und Rechtswissenschaft nahmen an Seminaren dreier Universitäten teil, diskutierten mit Gesprächspartnern aus Bundestag, Exekutive und Nichtregierungsorganisationen und besuchten Museen und Gedenkstätten, die deutsche Geschichte anschaulich machten.

Europapolitik

An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder erörterten die Studierenden im Rahmen eines Seminars die Rolle der Europäischen Union und des Europarates bei der Stärkung von Demokratie und Menschenrechten. Europa-Universität Viadrina und die Istanbul Bilgi Üniversitesi arbeiten bereits seit mehreren Jahren im Rahmen eines Double-Degree-Programms "Europa-Studien" zusammen, das der DAAD in der Aufbauphase gefördert hat. Europapolitische Fragen standen auch in einem Vortrag in der Berliner Vertretung der Europäischen Kommission im Zentrum. Der Politikwissenschaftler Ulrich Brückner, Mitglied des wissenschaftlichen Expertenteams der Vertretung, erörterte darin die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union unter den Bedingungen der Schuldenkrise.

Viadrina 

Vor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder

Deutsch-türkische Beziehungen

Im europapolitischen Rahmen waren die deutsch-türkischen Beziehungen ein zentrales Thema der Reise. Im Auswärtigen Amt erläuterte die stellvertretende Leiterin des Türkei-Referats, Petra Dachtler, die Rolle ihres Ministeriums in den Beitrittsverhandlungen zwischen Türkei und EU und ging dabei besonders auf die bevorstehende Eröffnung des Verhandlungskapitels zur Regionalpolitik ein. Die türkische Perspektive kam im Gespräch mit dem türkischen Botschafter Hüseyin Avni Karslıoğlu zum Tragen, der die Studierenden im neuen Botschaftsgebäude in der Berliner Tiergartenstraße empfing. Karslıoğlu sprach über die Bedeutung der EU für die Türkei, das Gewicht der deutsch-türkischen Handelsbeziehungen und den gesellschaftlichen Wandel in der Türkei. Die ökonomische Dimension der deutsch-türkischen Beziehungen stand in einem Gespräch im Berliner Büro der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer im Mittelpunkt. Dort erläuterte Sebastian Sönksen, Referent bei der Kammer, die Arbeit der Organisation, den Stand der deutsch-türkischen Handelsbeziehungen und deren politische Rahmenbedingungen.

 Dachtlergross

 Mit der stellvertretenden Leiterin des Türkei-Referats im Auswärtigen Amt, Petra Dachtler

Embassy 

Mit dem türkischen Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslıoğlu

Gesellschaftliche Vielfalt und Konflikt

Neben dem Beziehungsdreieck Deutschland-Türkei-EU bildete der politische Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt einen zweiten Themenbereich der Reise. Gemeinsam mit 30 deutschen Studierenden nahm die Gruppe an einem Seminar an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule teil. Die Veranstaltung unter der Leitung von Prof. Iman Attia, Dr. Esra Erdem und Dr. Zülfukar Çetin konzentrierte sich auf die Themen Integration, Armut und Ausgrenzung in Berlin. Dabei wurden Ähnlichkeiten der Stadtentwicklung in Berlin und Istanbul deutlich, etwa der durch Sanierung und Mietsteigerungen ausgelöste soziale Wandel in Innenstadtquartieren ("Gentrifizierung"), der ärmere Bevölkerungsgruppen vom Zentrum in die Peripherie drängt. Integrationspolitische Fragen standen auch im Zentrum eines Gesprächs mit dem Bundestagsabgeordneten Memet Kılıç (Bündnis 90/Grüne) im Jakob-Kaiser-Haus des Deutschen Bundestages. Kılıç berichtete über seine Arbeit als Fraktionssprecher für Integrationspolitik und Bürgeranliegen und diskutierte mit der Studiengruppe über die Bedeutung der türkischen wie der deutschen Zivilgesellschaft für die Beziehungen beider Länder.

Der Umgang mit einer schwierigen Geschichte

Fragen des Zusammenlebens von Mehrheit und Minderheiten werden in Deutschland regelmäßig unter Bezugnahme auf die nationalsozialistische Geschichte diskutiert. Der Zusammenhang war das Thema eines Seminars unter der Leitung der Zeithistorikerin Juliane Wetzel am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Ausgangspunkt war die öffentliche Diskussion um das Urteil des Kölner Landgerichts zur Legalität von Beschneidungen im Jahr 2012, das in jüdischen wie muslimischen Gemeinden zu Beunruhigung geführt hatte. Erörtert wurde dabei auch die Rolle, die Geschichts- und Sozialwissenschaft in öffentlichen Debatten spielen können. Das Gewicht historischer Erfahrungen und ihrer Deutung für die politische und gesellschaftliche Gegenwart wurde auch in Besuchen im Deutschen Historischen Museum, im Jüdischen Museum und in Besichtigungen Berliner Gedenkstätten sichtbar. Dabei erweiterte die Reise den Blick der Studierenden auf geschichtspolitische Debatten im eigenen Land um eine vergleichende Dimension.

Jenseits einzelner wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fragen lag ein wichtiger Ertrag der Studienreise darin, dass sie die weiten Spektren wissenschaftlicher Ansätze, politischer Positionen und persönlicher Erfahrungen eindrucksvoller zeigte, als Vorlesungen und Lehrbücher es vermögen. Die Vielfalt der Gesprächspartner, der Perspektiven und Erfahrungen immunisierte gegen schlichte Deutschlandbilder und einfache Antworten und öffnete den Blick für die komplexe und dynamische Wirklichkeit deutscher Politik und Gesellschaft.

 

Dr. Peter Widmann 

DAAD Lecturer for Political Science/German Studies
Istanbul Bilgi University
European Institute/Department of International Relations