Prof. Dr. Nermin Abadan-Unat war zwischen den Jahren 1956-58 und 1960 mit mehreren DAAD-Forschungsstipendien in Deutschland. Wir freuen uns, dass die Pionierin der Migrations- und türkischen Frauenforschung, unsere Fragen beantwortet hat.

Sie haben vermerkt, dass Sie erstmals 1956-58 ein DAAD-Stipendium erhalten haben. Wie haben Sie sich in dieser Zeit ohne Internet und ohne DAAD Informationszentren über den DAAD informiert und wie haben Sie sich auf das Stipendium beworben?

Das Stipendium, das ich im Jahr 1956/57 erhalten habe, war nicht von mir beantragt worden, im Gegenteil es wurde mir angeboten. Zu dieser Zeit wirkte ich als Assistentin für Verwaltungsrecht an der Fakultät für Politikwissenschaft, Universität Ankara. Mein Lehrstuhlinhaber, der verstorbene Prof. Dr. Tahsin Bekir Balta, hatte ein Abkommen mit der deutschen Botschaft in Ankara geschlossen, demnach sollte es zu einem akademischen Austausch kommen. Zuerst kam Prof. Dr. Ule, Verwaltungsrecht, von der Universität Heidelberg in 1956 für ein Semester nach Ankara. Ich habe seine Vorlesungen übersetzt –mündlich sowohl als schriftlich– und erhielt ein Stipendium für diesen Beitrag.

An welcher Universität bzw. Forschungseinrichtung sind Sie gewesen? Worüber haben Sie geforscht?

Das nächste Jahr –1957– wurde mir ein Stipendium für die Verwaltungshochschule in Speyer angeboten. Die Hochschule wurde während der französischen Besatzung unter dem Vorbild de E.N.A. –Ecole Nationale Administrative- gegründet. Während den drei Monaten dieses Aufenthalts war mein verstorbener Mann Prof. Dr. Yavuz Abadan ebenfalls in Heidelberg für eine Serie von Vorträgen über Verfassungsrecht eingeladen. Da ich damals noch nicht promoviert war, hat sich meine Forschung in erster Linie auf den Begriff von öffentlichem Recht, soziologisch und juristischen Funktionen der Bürokratie bezogen.

Auch haben Sie vermerkt, dass das DAAD-Stipendium, welches Sie nach 1960 erhalten haben, eine besondere Bedeutung gehabt hat. Können Sie dies näher erläutern? An welcher Universität bzw. Forschungseinrichtung sind Sie gewesen?

Das Stipendium, das mir im Sommer 1961 angeboten wurde, kam wiederum in Anschluss an meinem verstorbenen Mann von der Freien Universität, Berlin von seiten Prof. Dr. Ernst Hirsch, damaliger Rektor. Die Einladung trug einen besonderen Charakter, denn es sollte als Zeichen der Dankbarkeit gelten, die die Türkei während der Nazi Periode gegenüber den vom Amt enthobenen deutschen Akademikern gezeigt hatte. Diesmal hatte ich die Gelegenheit zusammen mit Prof. Dr. Löwenthal im Otto Suhr Institut Probleme der Dritten Welt zu behandeln. Die Tatsache, dass die Freie Universität als Frucht einer studentischen Protestaktion der Studenten entstanden ist, hat uns die Möglichkeit gegeben die politischen Systeme von Ost- und Westdeutschland zu vergleichen. Die Kenntnisse, damals erworben, haben mir später, als ich in 1969/70 ein ganzes Jahr in München am Geschwister Scholl Institut als Gastprofessor wirkte, geholfen politische Systeme auf Grund persönlich erworbener Eindrücke zu vermitteln.

Was war der Schwerpunkt Ihrer Forschungen? Was haben Sie von dieser Zeit in Deutschland mitgenommen?

Wie bekannt, hat die Türkei in 1961 eine neue Verfassung erhalten. Unter den neu gegründeten öffentlichen Institutionen hatte das Planungsamt einen wichtigen Platz inne. Es sollte nur indikativ wirken, doch entstand durch die Darstellung von strukturellen Schwächen, die Notwendigkeit “überflüssige Arbeitskräfte “ zu exportieren. Diese Zielsetzung bekam ihre Antwort durch den Vertrag zwischen der Türkei und der Bundesrepublik vom 1.September 1961, wobei statt der privaten Vermittlung von Arbeitskräften ins Ausland staatliche Institutionen beiderseits in Kraft traten. Durch diesen Entschluss wurde ich auf Grund meiner Sprachkenntnisse in 1963 vom Planungsamt beauftragt, die Lage der türkischen Arbeiter in der Bundesrepublik zu untersuchen. Das Ergebniss dieser Studie, die ich mit fünf jungen Assistenten realisierte, ergab ein Buch, das auf Türkisch, Deutsch und Englisch publiziert wurde. Mein Interesse an Migrationstheorien und deren faktischen Erscheinungen hat bis zum heutigen Tag angedauert.

Junge BewerberInnen sollten ihre Talente sachlich beurteilen und ihre Anträge dementsprechend formulieren.

Prof.Dr. Nermin Abadan-Unat

Was würden Sie den neuen DAAD-StipendiatInnen empfehlen?

Meine Empfehlungen an zukünftigen Stipendiaten kann ich wie folgend zusammenfassen: auf Grund einer um sich greifenden technischen Revolution, das Zunehmen von Robotern, verringern sich die potentiellen Arbeitsplätze, in der Türkei und in der ganzen Welt. Deshalb sollten junge BewerberInnen ihre Talente sachlich beurteilen und ihre Anträge dementsprechend formulieren.

Haben Sie noch etwas hinzuzufügen und uns mit auf den Weg zu geben?

Die deutsch-türkische Universität in Istanbul bekannt zu machen.

Hatten Sie Erlebnisse während dieser Aufenthalte, die Sie bislang nicht haben vergessen können?

Bei einer meiner Besuche in Deutschland sollte ich die Wasserspiele in Hannover besuchen – doch nicht offiziell. An dem Tag kam eine Gruppe von türkischen Arbeitern und bat mich ihre Probleme anzuhören. Sie versprachen mich absolut bis 22.00 Uhr zurückzubringen. Tatsächlich kamen wir zurück, doch es war 22.03 Uhr und der Wächter hat keine Ausnahme gemacht. Die Herrenhausen Schloss Gärten blieben zu! Empfehlung an türkische Stipendiaten: Deutsche sind sehr pünktlich!

Wir bedanken uns nochmals ganz herzlich bei Prof. Dr. Abadan Unat für Ihren wertvollen Beitrag.

Murat Kemaloğlu, Betül Sakınır-Akay – DAAD IC Istanbul