Prof. Dr. Nese Onural bekam als sprachbegabte junge Frau ein Stipendium vom DAAD angeboten und berichtet heute von ihrer Zeit als Stipendiatin in den 60er Jahren in Deutschland, ihrer akademischen Karriere und aus ihrem Leben.

Teil I

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Gestatten Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle: Am zweiten Januar des Jahres 1943 kam ich in Istanbul auf die Welt. Ich war das Einzelkind eines intellektuellen Ehepaares, der Gymnasiallehrerin und Turkologin Feride Onural und des Diplomingenieurs Sırrı Onural.

Ich wurde sehr liebevoll und sorgfältig erzogen und bin mit Kultur und Kunst aufgewachsen. Mit vier Jahren ging ich in die Ballettschule und mit sieben Jahren begann ich, Klavier zu spielen. Mit sieben Jahren begann ich gleichzeitig zu dichten. Zuerst schrieb ich ein Theaterstück für die Schulbühne, dann kamen Gedichte und Kurzgeschichten. Mit zehn Jahren gewann ich einen Wettbewerb, an dem alle Schulkinder in der Türkei teilgenommen hatten, und bekam den Titel „Die jüngste Schriftstellerin”.

Nachdem ich am 30. Mai 1953 diesen Titel bekommen hatte, wurde ich Mitautorin einer Zeitschrift „Doğan Kardeş” für Jugendliche und später organisierte ich jede Woche ein Zeitungsblatt für Kinder und Jugendliche in einer Tageszeitung. Außerdem kamen ein Theaterstück und meine Gedichte zum Druck: Im Jahre 1958 ein Theaterstück „Haksız Başarı” (Ungerechterweise errungener Erfolg). Im selben Jahr der erste Gedichtband „İki Sihirli Kelime” (Zwei Zauberworte) gewidmet an meine Eltern und im Jahre 1961 erschien mein zweiter Gedichtband „O, Görünmeyen” (Der Unsichtbare) gewidmet an meine Mitschüler in der Deutschen Schule İstanbul. So hörte meine dichterische Karriere auf.

Nach Abschluss der Volksschule kam ich mit elf Jahren (1954) in die Deutsche Schule İstanbul. Die deutsche Sprache, die ich immer noch beherrsche, verdanke ich meiner Schule. Die wissenschaftliche Sprache gewann ich natürlich an der Bonner Universität während meines Germanistik-Studiums (1965-1968).

Im Juni 1962 bekam ich mein Abiturdiplom und gewann die Aufnahmeprüfung zum Studium Germanistik an der Istanbuler Universität. Ein Stipendium vom DAAD zu bekommen und Germanistik in Deutschland zu studieren hatte ich zu dieser Zeit nicht im Sinn. Nur die Besten der Abiturklassen bekamen ein DAAD-Stipendium. Da ich im letzten Jahr des Gymnasiums verliebt war, hatte ich natürlich keine Chance, ein DAAD-Stipendium zu bekommen.

So begann ich mit meinem germanistischen Studium an der Philosophischen Fakultät der Istanbuler Universität. Mit meinen Deutschkenntnissen bekam ich immer die besten Noten. So wurde mir als Geschenk für meine Leistungen ein Stipendium für die Teilnahme an einem internationalen Ferienkurs in Deutschland gegeben. Dieser Kurs fand vom 4.-25. September 1964 im Fridtjof-Nansen Haus zu Göttingen statt. Der Kursus „Deutsche Sprache und Dichtung im 20. Jahrhundert” wurde unter Mitwirkung der Universitätsprofessoren durchgeführt. Ich bekam folgende Bescheinigung: “Der Sprachunterricht wurde von Neşe Onural mit sehr gutem Erfolg besucht”. Mit Stempel und Unterschriften vom Direktor und Sprachlehrer.

Der Vorschlag zum Studium der Germanistik mit einem Stipendium in Deutschland kam vom DAAD auf mich zu. Nachdem ich diesen Ferienkurs mit sehr gutem Erfolg absolviert hatte, bekam ich einen Brief vom DAAD, in dem ich gefragt wurde, ob ich mein Studium an einer deutschen Universität fortsetzen wollte. Weil ich sofort mit Freude „ja” geantwortet habe, bekam ich mein Stipendium von 1965 bis 1968.

So habe ich den DAAD zuerst von außen kennengelernt, dann habe ich aber in der Person von Frau Dr. Jansch, die unsere Betreuerin war, das wahre Gesicht vom DAAD erkannt und bewundert. Ich habe später auch, als ich in Bonn war, den Verlauf der Bürokratie beim DAAD und in der Bonner Universität bewundert. Mit der Bonner Universität hatte ich die wichtige Wahl für meine spätere Berufskarriere getroffen, worin auch die Freiheit in der Wahl der Vorlesungen und Seminare zum Semesterbeginn lag.

In diesem Sinne habe ich auch die Möglichkeit gehabt, mich besonders auf das Studium in der Abteilung für Altgermanistik zu konzentrieren und den weltweit bekannten Professor Hugo Moser kennenzulernen, der mir den guten Willen gegeben hat, in diesem Fachbereich akademische Karriere zu machen. Er wurde mein geliebtester Lehrer, Wegweiser und Betreuer. Das Thema meiner Diplomarbeit bei Hugo Moser wurde mir Jahre später der Grundboden meiner Doktorarbeit an der Istanbuler Universität.

Ich konnte den Abschluss meines Studiums bei Hugo Moser nicht machen, weil ich meinen Sohn erwartete. Da die Krankenkasse dies weitergemeldet hatte, wurde mein DAAD-Stipendium abgebrochen. Damals galt die Regelung, dass die Studentinnen, die schwanger waren, ihr Stipendium nicht behalten durften. Ich hatte sogar zum Beginn der Einnahme des DAAD-Stipendiums eine Bescheinigung unterschrieben, in der ich mich bereit erklärte, auf mein Stipendium zu verzichten, für den Fall, dass ich schwanger wäre.

Weder meine Eltern noch mein ehemaliger Mann İlhan Fırıldak konnten den Abschluss meines Studiums finanzieren. So musste ich mit meinem Studium an der Bonner Universität aufhören und für ein Jahr nach İstanbul zu meinen Eltern zurückkehren. Ein Jahr nach der Geburt meines Sohnes „Orkan” ging ich wieder zurück nach Kassel. Dort begann meine Karriere als Deutschlehrerin in Kassel. Ich verdiente Geld, damit mein Mann sein Studium in Kassel abschließen konnte. Meine Eltern sorgten zu Hause für meinen Sohn.

Ich war vom 12. Oktober bis 30. September als Deutschlehrerin im Angestelltenverhältnis in Vorbereitungsklassen für Kinder türkischer Arbeitnehmer an der Unterneustädter Schule in Kassel tätig. Neben dem Schuldienst war ich zur selben Zeit als Deutschlehrerin an der Volkshochschule der Stadt Kassel tätig. Ich erteilte Deutschunterricht in den Abendkursen für Ausländer und für Deutsche. Die Schüler hatten mich zuerst für eine Deutsche gehalten, dann machten sie die Kurse doch mit Freude und Zufriedenheit weiter, als sie die Wahrheit erfuhren. Ich war während meines Aufenthaltes in Kassel auch allgemein vereidigte Dolmetscherin und Übersetzerin der türkischen Sprache für die Gerichte und Notare im Lande Hessen.

Das Schwierigste während meines Aufenthaltes (1970-72) in Kassel für mich war, mein Abschlussdiplom am Ende des Wintersemesters 1972 von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Istanbuler Universität zu bekommen. Das Thema des Abschlussdiploms war nicht dasselbe, das mir Hugo Moser gegeben hatte. Prof. Dr. Safinaz Duruman war auf meinen Antrag hin meine Diplommutter geworden und ich sollte nun eine Arbeit über Heinrich von Kleist schreiben.

In den Weihnachtsferien des Jahres 1972 kam ich nach İstanbul, verlängerte meinen Urlaub und bestand die Abschlussprüfung mit bestem Erfolg. Dieser Erfolg wurde der erste Schritt für mich in die akademische Karriere an der Istanbuler Universität.

Zuerst begann ich gleich nach der Rückkehr nach İstanbul mit meiner Tätigkeit in den Sprachkursen des Goethe-Instituts als Deutschlehrerin (1972-1978). Dann bekam ich eine Lektorenstelle nach der Gründung der Fremdsprachenhochschule der Istanbuler Universität (1973-1975). Danach wurde ich Assistentin in der germanistischen Abteilung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität İstanbul (1975-1983), wo ich 1982 meine Doktorarbeit beendet und den Doktortitel bekommen habe.

Teil II

Am Anfang des Wintersemesters (1983) kam ich als Hilfsdozentin an die damalige Fakultät für Natur- und Geisteswissenschaft der Marmara Universität. Ich wurde offiziell zur Leiterin der germanistischen Abteilung ernannt, die aber noch gar nicht gegründet war. Bis zur Gründung arbeitete ich deshalb als Gastdozentin in der Abteilung für die Deutschlehrerausbildung der Universität Eskişehir (1989-1992).

Im akademischen Jahr 1992/93 wurde dann die germanistische Abteilung an der Marmara Universität gegründet, wo ich bis 1996 als Abteilungsleiterin tätig war und mit großer Freude die ersten Absolventen verabschieden konnte. Während meiner Tätigkeit an der Marmara Universität organisierten wir vom 19. bis 23 November 1984 das erste internationale Symposium der Altgermanistik in der Türkei in Zusammenarbeit mit dem Türkisch-Deutschen Kulturinstitut und dem österreichischen Kulturamt, an dem vier deutsche und vier österreichische Professoren teilgenommen haben. An erster Stelle war mein lieber Professor Hugo Moser eingeladen, er konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen und wurde von Prof. Dr. Tervooren vertreten, der zu meiner Studienzeit Assistent war. Mein liebster Lehrer Hugo Moser Prof. der Bonner Universität war schon vorher zweimal bei mir in Istanbul zu Besuch gewesen und er hatte sowohl an der Ankara als auch an der İstanbul Universität 1982 und 1983 Vorträge über Altgermanistik gehalten.

Im Wintersemester 1996/97 begann meine akademische Karriere an der Sakarya Universität als Professorin. Der Wechsel der Universitäten hatte dazu gedient, dass ich wegen einer Stellenvakanz dort am schnellsten zur Professorin ernannt werden konnte. Zur gleichen Zeit wurde ich die Leiterin der Abteilung für die „Ausbildung der Dolmetscher und Übersetzer Deutsch-Türkisch und Türkisch-Deutsch“. Ein unerwarteter Auftrag und eine ziemlich schwere Verantwortung kamen zwei Jahre später auf mich zu. Ich wurde am 11.12.1998 zur Dekanin der Fakultät für die SCHÖNEN und BİLDENDEN KÜNSTE ernannt, und ich bekam damit den Auftrag, diese Fakultät zu gründen. Die Gründung dieser Fakultät war die schwerste Arbeit in meiner akademischen Laufbahn. Diese Gründungsarbeit dominiert die letzten drei Jahre an der Sakarya Universität. Während ich in der germanistischen Abteilung Vorlesungen „Deutsche Literatur im 18. Jahrhundert“ hielt, musste ich mich als Dekanin mit der Gründung und nachher der Leitung der Fakultät für die Schönen und Bildenden Künste beschäftigen. Am 21.08.2001 nahm ich Abschied von meiner sieben jährigen Tätigkeit an der Sakarya Universität.

Obwohl ich danach pensioniert wurde, erteilte ich als Nachhilfelehrerin weiter Deutschunterricht für Abiturienten der Deutschen Schule. Während dieser Zeit schrieb ich zahlreiche Lehrbücher, um die Schüler auf die Abitur- und Maturaprüfung vorzubereiten. Diese Bücher beinhalten die Methodik und Schreibbeispiele für die Aufsätze zur Analyse und Interpretation verschiedener literarischer Sorten und Gattungen.

Ungefähr fünf Jahre später kehrte ich Anfang 2006 zum akademischen Dienst an die Muğla Universität zurück, wo ich die Abteilung zur Ausbildung der Deutschlehrer gründen sollte. Zum zweiten Mal wurde ich wieder als Professorin mit der Gründung einer neuen Abteilung beauftragt. Meine Arbeit dort hat bis zum 15.12.2008 gedauert. Das war meine letzte Stelle an einer Universität. Die Aufgabe, immer neue Abteilungen und sogar eine Fakultät zu gründen, war offenbar mein akademisches Schicksal.

Wenn ich von meinen Eltern nicht meine feine türkische und europäische Erziehung und von meinen deutschen Lehrern während der Gymnasialjahre in der deutschen Schule nicht die deutsche Ordnung und den Fleiß mitbekommen hatte, hätte sich mein beruflicher Werdegang sicherlich anders entwickelt.

Außerdem bin ich für mein Germanistik-Studium an der Bonner Universität dankbar, das mich für den wissenschaftlichen Dienst als Professorin und Deutschlehrerin bestens vorbereitet hat. Und dem DAAD schulde ich Dank für die Unterstützung durch ein Stipendium, wobei ich meiner Betreuerin Frau Dr. Jansch für immer dankbar bleibe. Ich habe immer noch Kontakt zu anderen DAAD-Alumni, weil sie alle meine Schulfreunde von der Deutschen Schule Istanbul sind. Wir treffen uns beim Klassentreffen oder im Wiederzusammenkommen der ehemaligen Schüler jeden zweiten Donnerstag im Monat.

Es hat einen Verein der ehemaligen DAAD-Stipendiaten in der Türkei gegeben, dessen Vorstand einmal mein Klassenkamerad Metin Başbudak, und später Dr. Hilmi Or war. Vor sechs Jahren ist dieser Verein abgemeldet worden, weil sich leider keine neuen Mitglieder gemeldet hatten. Da ich zur Gründung dieses Vereins nicht in İstanbul war, habe ich nicht mitgearbeitet.

Was ich seit Jahren begrüße, ist die Einladung des DAAD Informationszentrums Istanbul an die ehemaligen und zukünftigen Stipendiaten zu einem feierlichen Empfang im Garten des Generalkonsulats. Jedes Jahr freue ich mich darauf, meine Freunde zu treffen und die neuesten Stipendiaten kennenzulernen. Viele Male habe ich private Gespräche mit den jungen Stipendiaten geführt und von meinen Lebenserfahrungen während der Studienjahre an der Bonner Universität in Deutschland berichtet.

In diesem Sinne halte ich es für sehr wichtig, dass die jungen und neuen DAAD-Stipendiaten manche wichtige Studienerfahrungen mit ehemaligen –und besonders mit den älteren- Stipendiaten teilen.

Die beste Lehre für ein neues Studium oder Forschung in Deutschland bezieht man von älteren Stipendiaten, die alles schon erlebt, durchgemacht und Erfahrungen gesammelt haben. Deshalb schlage ich vor, dass jedes Jahr ein oder zwei ehemalige DAAD-Stipendiaten kurze Vorträge im Konsulats-Garten halten, damit die Neuen Erfahrungen und Studienerinnerungen von diesen Akademikern zu hören bekommen, die in ihrem Leben schon viele wichtige Karriereschritte gemacht und Erfolge erzielt haben.