Gözdem Dittel hat zwischen 2012 und 2014 ihren Master an der RWTH Aachen mit einem DAAD-TEV-Stipendium absolviert. Sie promoviert und lebt heute immer noch in Aachen und hat uns über ihre Erfahrungen und Gedanken berichtet.

Das Video zu unserem Interview finden Sie hier.

  • Liebe Frau Dittel, Sie waren DAAD-TEV-Stipendiatin zwischen den Jahren 2012 und 2014. Würden Sie uns ein wenig über die Zeit davor und Ihren Bildungsweg erzählen wollen?

Nach meinem Abschluss an der Deutschen Schule in Istanbul habe ich einen Zwei-Fach-Bachelor in den Fachbereichen für Metallurgie und Materialwissenschaften und Maschinenbau an der Yıldız Technical University absolviert. Während dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, an einem Erasmus-Austausch über zwei Semester an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, Fakultät für Werkstofftechnik, in Deutschland teilzunehmen. Nach meinem Bachelor kam ich mit Unterstützung des DAAD-TEV-Stipendiums für meinen Master nach Deutschland und absolvierte diesen in Werkstofftechnik an der RWTH Aachen. Derzeit promoviere ich in Maschinenbau an derselben Universität und arbeite gleichzeitig als Projektingenieurin.

  • Wie haben Sie sich für ein Studium in Deutschland entschieden?

Ich kann hier zahllose Gründe auflisten. Zum einen ist Deutschland weltweit ein führendes Land auf den Gebieten der Technik und des Ingenieurwesen. Wenn Sie als Ingenieur an einer renommierten deutschen Universität studieren, öffnen sich überall auf der Welt die Türen für eine gute Karriere.

Die Tatsache, dass die Deutsche Schule Istanbul uns sowohl im Deutschen als auch in allen anderen Fächern gut vorbereitet hat, ist natürlich ein wichtiger Grund für mich, Deutschland bevorzugt zu haben. Die Kenntnis der Sprache, Kultur und der Traditionen des Landes, in dem wir leben, trägt positiv zum Anpassungsprozess bei.

Ich habe mich zu einem Studium hier in Deutschland entschieden, da das Land geografisch einfach nicht so weit weg von der Türkei ist und dabei auch zahlreiche Aspekte der türkischen Kultur beheimatet. Falls es nicht immer möglich sein wäre spontan wieder in die Heimat zu fliegen, dachte ich, würde es mir helfen, meine Muttersprache zu sprechen, einen frischen Sesamkringel aus dem türkischen Ofen zu kaufen oder türkische Konzerte besuchen zu können. So kam es auch.

Ich habe Deutschland auch ausgesucht, weil die Arbeitsbedingungen besser sind und der Lebensstandard höher ist als in vielen anderen Ländern der Welt. Gleichzeitig befindet sich Deutschland im Herzen Europas und bietet die Möglichkeit, die Welt zu bereisen.

  • Sie hatten das Stipendium - wie bereits erwähnt - zwischen den Jahren 2012 und 2014. Wie kam es dazu und was waren Ihre Erwartungen bei der Bewerbung um dieses Stipendium?

Ich bekam das Stipendium für meinen Master zwischen August 2012 und September 2014 über vier Semester. Die Hochschulausbildung in Deutschland ist mit Ausnahmen kostenlos, aber letztendlich braucht man ein gewisses Einkommen, um hier leben zu können. Es ist ein monatliches Mindesteinkommen für Studierende festgesetzt und so bedarf es für ausländische Studierende mehr als einen Zulassungsbescheid einer deutschen Universität. Gleichzeitig ist es erforderlich, dass nach diesem Gesetz festgelegte monatliche Mindesteinkommen nachweislich vorzulegen. Ich glaube nicht, dass ich den türkischen Lira-Euro-Kurs erwähnen muss. Zu dieser Zeit hatte ich als Person, die gerade ihren Bachelor abgeschlossen hatte, kein Einkommen, um meine eigenen Ausgaben zu decken und meinen Lebensunterhalt zu sichern. Dies bedeutete, dass die einzige Möglichkeit darin bestand, die Familie zu belasten. Ich wollte im Alter von 23/24 Jahren meine Eltern nicht mehr dazu verpflichten, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, insbesondere auch in Zusammenhang des unsicheren Wechselkurszyklus. Meine erste Erwartung war es, eine Lösung für dieses Problem zu finden.

Abgesehen davon hatte ich gehofft, die Unterstützung der DAAD-TEV-Familie zu erhalten und mich unter dem Dach zweier angesehener und etablierter Institutionen sicher zu fühlen, mit denen ich mich bei allen Schwierigkeiten, die in diesem Prozess auftreten könnten, bestens beraten fühlte.

Ferner hatte ich erwartet, mich anderen Studierenden, die ihr Land ebenfalls verlassen und die Segel für ein neues Leben hissen, anschließen zu können. Und das DAAD-TEV-Stipendium hat all diese Erwartungen mehr als erfüllt.

  • Denken Sie, dass Ihre Zeit in Deutschland und das DAAD-TEV-Stipendium für Ihr Berufsleben von Vorteil sind?

Definitiv! Während des Übergangs zum Arbeitsleben werden wir als Personen angesehen, die zuvor schon ihren Ehrgeiz und ihren Erfolg unter Beweis gestellt haben. Ich kann sagen, dass das DAAD-TEV-Stipendium ein leuchtender Stern in meinem Lebenslauf ist. "Wenn Sie mit diesem Stipendium nach Deutschland kommen und das Recht zum Studium erhalten, können wir auf ihre Fähigkeiten und Intelligenz vertrauen", denken die Arbeitgeber.

  • Und welchen Mehrwert hatte das DAAD-TEV-Stipendium genau?

Als ich als DAAD-TEV-Stipendiatin ausgewählt worden bin, hatte ich zunächst die Möglichkeit, meine Ausbildung mit einer sehr hohen Motivation zu beginnen. Dies ist ein sehr wichtiger Faktor, wenn Sie ein brandneues Leben beginnen. Besorgnisse, wie die der möglichen finanziellen Probleme, sind einfach verschwunden. Die Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, Eröffnung eines Bankkontos usw. sind dank der Unterstützung durch den DAAD nie zu einem Problem geworden.

Es war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, bevor das Masterstudium begann, an dem zweimonatigen DAAD-Orientierungskurs für Stipendiat/innen teilzunehmen. Ich kann sagen, dass meine schönste Zeit in Deutschland diese zweimonatige Kurszeit in Dortmund war. Zwei volle Monate gegenseitiges Lernen über die deutsche Sprache, Literatur, Kultur sowie unsere eigenen Kulturen und Traditionen. Dank des DAAD-Stipendiums können jedes Jahr über 200 Menschen aus aller Welt ihren Master Deutschland absolvieren. Dank der Freundschaften, die ich dort geschlossen habe, und unserer erfahrenen Trainer habe ich mein neues Leben in Aachen mit dem Gefühl begonnen, seit Jahren in Deutschland zu leben und dieses Land zu kennen.

  • Welchen Mehrwert haben Sie vom Leben in Deutschland?

Ich habe gelernt, mich selbst zu disziplinieren und meine Zeit richtig einzuteilen. Ich habe gelernt, mein eigenes Leben in einem fremden Land fortzusetzen und zuerst selbst Schwierigkeiten zu bewältigen. Ich habe auch gelernt, mit meinem Geld umzugehen, meinen Haushalt zu verwalten und mit der Bürokratie fertigzuwerden.

Ich lernte zu hinterfragen, was ich weiß, und alles zu recherchieren, was ich hörte, ohne es sofort anzunehmen und es an andere weiterzugeben. Ich habe gelernt, hart zu arbeiten. Denn hier gibt es keine Möglichkeit, mühelos erfolgreich zu sein oder einen Job zu finden. Ich habe gelernt, andere Kulturen und Traditionen so viel mehr zu respektieren und meine Vorurteile gegenüber dem Verhalten anderer Menschen abzubauen.

Meine Ankunft in Deutschland war meine erste Auslandserfahrung. Es war meine Gelegenheit, mich der Welt zu öffnen. Es war mein Ausgangspunkt, erst europäische Länder und dann auch ganz andere Schönheiten der Welt zu entdecken. Ich habe meine Bedenken zurücklassen können.

Ich habe auch gelernt meine Familie besser wertzuschätzen. Die Synthese östlicher und westlicher Kultur in meiner Erziehung brachte mir den Komfort, mich schneller in Deutschland zu integrieren.

Ich kann meine Gedanken klarer, präziser und prägnanter ausdrücken als zuvor. Ich musste das für das Geschäftsleben lernen. Ich muss aber noch ein wenig daran arbeiten.

Endlich hat sich auch mein Deutsch stark verbessert. Das Wichtigste für eine gute Kommunikation in Deutschland ist, Deutsch sprechen zu können.

  • Gab es bei Ihrer Ankunft in Deutschland Schwierigkeiten in Ihrem täglichen Leben? Wenn ja, welche waren das?

Ich bin davon überzeugt, dass niemand diese Frage mit einem “Nein” beantworten kann. Obwohl es viele positive Aspekte gibt, brachte das Leben und Studieren in Deutschland natürlich Schwierigkeiten. Ich war zwei Monate lang ohne Wohnung, als ich zum ersten Mal nach Aachen kam, obwohl ich vor drei-vier Monaten angefangen hatte, eine Wohnung zu suchen. Sie können sich meine Enttäuschung vorstellen, als mir gesagt wurde, dass ich nicht innerhalb eines Jahres einen Platz im Wohnheim bekommen würde. Zum Glück lebte meine liebe Schulfreundin in Aachen und sie bot mir einen Schlafplatz an. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn meine Freundin nicht hier gewesen wäre. Dann habe ich ungefähr 30 Anträge auf einen Wohnheimplatz gestellt. Zuerst mietete ich mich vorübergehend für fünf Monate zur Zwischenmiete in einer Wohnung ein. Deutschland hat ein Zwischenmietsystem, also wohnte ich in der Wohnung eines Studenten, der für einen fünfmonatigen Erasmus-Aufenthalt ins Ausland ging. Später fand ich eine Wohnung, in der ich während meiner gesamten Studienzeit leben konnte.

  • Was hat Ihnen an Deutschland besonders gefallen?

Als in Istanbul geborene Person fühle ich mich hier sehr sicher. Ich habe mir fast nie Sorgen gemacht, dass mir etwas Schlimmes passieren könnte.

Regeln werden durchgesetzt und gelten für alle. Deshalb habe ich nicht viel Ungerechtigkeit erfahren. Respekt wird auch nicht durch Status oder Alter verdient, sondern tatsächlich persönlich. Ich liebe es.

Und ich liebe die Natur sehr. Die saubere Luft, das saubere Wasser, das wir selbst aus dem Wasserhahn bekommen können, ist wirklich ein großer Reichtum.

Deutschland beherbergt Menschen aus fast allen Teilen der Welt. Ein Land, in dem Multikulturalismus zum Leben erweckt werden kann. Ich liebe es, ein Teil davon zu sein.

Eine sehr fleißige Gesellschaft, die ihr eigenes Zeitmanagement von Kindheit an unter Kontrolle halten kann. Dies zu beobachten und es auch für die eigene Person aufzunehmen, trug enorm zu meiner Motivation und persönlichen Entwicklung bei.

  • Sie sind weiterhin in Deutschland, wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Es war keine leichte Entscheidung. Meine Familie, meine Freunde, alles, was mich mehr als 20 Jahre meines Lebens geprägt hat, hinter sich zu lassen, ist eine Entscheidung, die ernst genommen und gut durchdacht werden sollte. Die Freundschaften, die ich hier geschlossen habe, haben mir bei meiner Entscheidung geholfen, das Land, seine Ordnung und die Umwelt, in der ich lebe, zu lieben. Meine Familie hat mich immer unterstützt. Die Tatsache, dass die sozioökonomische Situation in unserem Land nicht stabil war, hatte natürlich Auswirkungen auf meine Entscheidung. Alles, was mein Leben gegenwärtig verschönert hat, befindet sich hier, außer natürlich meine Eltern.

  • Würden Sie Studierenden und Graduierten empfehlen, sich für ein DAAD-TEV-Stipendium zu bewerben?

Ich kann sagen, dass der erste Schritt in diesem volatilen Wettbewerb darin besteht, sich für dieses Stipendium zu bewerben. Wenn Sie in Ihrem Bildungsleben erfolgreich sind, wenn Sie fließend Deutsch und / oder Englisch sprechen, wenn das Fach, das Sie studieren möchten, an deutschen Universitäten verfügbar ist, können Sie Ihre Träume mit dem DAAD-TEV-Stipendium verwirklichen.

  • Liebe Frau Dittel, vielen Dank für Ihre wertvolle Zeit und Ihren Beitrag. Gibt es noch andere Punkte, die Sie hinzufügen oder spezifizieren möchten?

Auch ich bedanke mich sehr. Dafür, dass Sie mir geholfen haben, die Karriereleiter erfolgreich zu erklimmen und die Möglichkeit gegeben haben, auch wenn nur mit einem kleinen Beitrag, künftige Stipendiat/innen zu unterstützen. Stipendiat/innen der neuen Generation, die mit DAAD-TEV-Alumni kommunizieren möchten, können mich gerne kontaktieren. Ich werde gerne versuchen, ihre Fragen zu beantworten. Zunächst wünsche ich allen ein gesundes neues Jahr und ein häufigeres Treffen mit ihren Lieben.

Betül Sakınır-Akay, DAAD-Informationszentrum Istanbul