Ein gemeinsames DAAD-TÜBİTAK-Forschungsprojekt der Universität Duisburg-Essen und der Istanbul Bilgi Universität

Im November 2022 begann das zweijährige Forschungsprojekt „Entfernte Nachbarn: Politische Narrative und visuelle Kultur in den deutsch-türkischen Beziehungen“. Ziel war es, die wissenschaftliche Perspektive auf die deutsch-türkischen Beziehungen aus der engen Betrachtung politischer Eliten und diplomatischer Entscheidungsprozesse hin zu weniger beachteten Bereichen wie Kunst, Protestbewegungen und transnationalen Räumen zu erweitern.

Das Projekt wurde gemeinsam vom Europäischen Institut der Istanbul Bilgi Universität und dem Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research der Universität Duisburg-Essen durchgeführt und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) sowie dem Wissenschaftlichen und Technologischen Forschungsrat der Türkei (TÜBİTAK) gefördert.

Die beteiligten Wissenschaftler:innen – darunter Deniz Güneş Yardımcı, Frank Gadinger, Mustafa Gökcan Kösen, Katja Freistein, Christine Unrau, Serkan Topal und Taylan Yıldız – entwickelten im Projektverlauf neue konzeptionelle und methodische Zugänge zu Themen wie visueller Kultur, Narrativanalyse und Emotionen im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen – etwa der Krieg in der Ukraine, der Gaza-Konflikt, die Flüchtlingsvereinbarung zwischen der EU und der Türkei oder die Debatte um den NATO-Beitritt Schwedens – werden diese Beziehungen in der aktuellen Forschung häufig als zunehmend pragmatisch und distanziert beschrieben. Rituale höflicher, aber eher unterkühlter Treffen zwischen deutschen und türkischen Regierungsvertreter:innen, wie nach der Wiederwahl von Präsident Erdoğan im Mai 2023, scheinen dieses Bild zu bestätigen.

Das Projekt stellte sich bewusst gegen diese verengte Darstellung. Stattdessen wurden zivilgesellschaftliche, kulturelle und künstlerische Akteure aus beiden Ländern in den Fokus gerückt – etwa Filmemacher:innen, Autor:innen, Wissenschaftler:innen, Musiker:innen oder Aktivist:innen, die im europäischen und transnationalen Kontext agieren. Es wurde deutlich, dass diese Akteur:innen durch ihre Arbeit bestehende Narrative hinterfragen, kulturelle Brücken schlagen und neue Räume für Dialog und Kooperation eröffnen. Zahlreiche Initiativen, wie das Filmfestival Türkei/Deutschland in Nürnberg, das Türkische Filmfestival Frankfurt, der Deutsch-Türkische Co-Production Development Fund der IKSV, die vom Goethe-Institut kuratierte Kulturakademie Tarabya in Istanbul oder auch die Deutsch-Türkische Jugendbrücke, zeigen eindrucksvoll, wie durch künstlerische Projekte ein anderer Zugang zur deutsch-türkischen Beziehung entstehen kann – jenseits der „High Politics“.

Die zentrale These des Projekts lautet daher: Viele dieser Akteur:innen haben – oft in losen transnationalen Netzwerken – kreative Formen der Zusammenarbeit etabliert, die über nationalstaatliche Interessenlagen hinausreichen. Diese transnationalen Praktiken widersprechen dem gängigen Narrativ einer rein strategisch-pragmatischen Beziehung und eröffnen alternative Perspektiven auf die deutsch-türkische Partnerschaft. So wurde zum Beispiel in einem Beitrag von Serkan Topal untersucht, wie klassische Musik – etwa am Beispiel des Pianisten Fazıl Say – als zivilgesellschaftlicher Raum genutzt werden kann, in dem politische Botschaften transportiert und gemeinsame Werte ausgedrückt werden. Auch Literatur und Film erwiesen sich als zentrale Felder: Autor:innen und Filmemacher:innen wie Deniz Güneş Yardımcı arbeiten an transkulturellen Erzählungen, die sich von nationalen Klischees lösen und komplexe Identitätsfragen verhandeln. Dabei wurde auch die historische Tiefe der Beziehungen sichtbar. Viele deutsche Intellektuelle und Künstler:innen wie Erich Auerbach, Paul Hindemith oder Wilhelm Röpke emigrierten nach 1933 in die Türkei, trugen dort maßgeblich zur Entwicklung des Hochschulsystems bei und erfuhren selbst Migration – eine Tatsache, die im gegenwärtigen Diskurs oft vergessen wird.

Auch bildkulturelle Ausdrucksformen wie Hip-Hop oder Graffiti, die in Deutschland von türkischstämmigen Jugendlichen geprägt wurden, fanden im Projekt Beachtung. Die Analyse von Ayhan Kaya etwa zeigt, wie diese Ausdrucksformen zur Bildung hybrider, transnationaler Identitäten beitragen. Die emotionale Dimension – Frustration, Hoffnung, Zugehörigkeit – spielt dabei eine zentrale Rolle, etwa wenn Kultur und Kunst soziale Gruppen stabilisieren und Räume des Austauschs eröffnen.

Gerade in einer Zeit multipler Krisen – von Kriegen über den Klimawandel bis hin zu gesellschaftlichen Polarisierungen – wird internationale Kooperation dringlicher denn je. Das Projekt argumentiert, dass transnationale soziale Räume und grenzüberschreitende Kooperationen ein zentrales Potenzial zur Vertiefung und Wiederbelebung der deutsch-türkischen Beziehungen darstellen.

Im Rahmen des Projekts wurden zwei Autor:innen-Workshops organisiert: am 19. Juli 2023 an der Universität Duisburg-Essen sowie am 5. April 2024 an der Istanbul Bilgi Universität. Hier trafen Wissenschaftler:innen aus Politikwissenschaft, Soziologie, Medien- und Kulturwissenschaft zusammen, um über Narrative und visuelle Kultur im Kontext alltäglicher transnationaler Kooperation zu diskutieren. Die intensive interdisziplinäre Auseinandersetzung mündet in einen geplanten Sammelband mit dem Titel „The Power of Narratives, Visual Culture and Transnational Identity: Exploring Turkish-German Relations in Political Life“, der in der Reihe Routledge Global Cooperation Series erscheinen wird. Die Beiträge beleuchten, wie transnationale Alltagspraktiken mit politischen Makrostrukturen verknüpft sind – und welche Rolle Kunst, Erzählungen und visuelle Medien dabei spielen können.

Das Projekt hat gezeigt, dass es sich lohnt, die deutsch-türkischen Beziehungen jenseits diplomatischer Gipfeltreffen zu betrachten. Es sind die vielen alltäglichen, künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Begegnungen, die nachhaltige Impulse setzen – für gegenseitiges Verständnis, soziale Innovation und ein vertieftes europäisches Miteinander. Die Projektgruppe dankt allen Beteiligten und insbesondere dem DAAD und TÜBİTAK für die Ermöglichung dieser Kooperation.

Dr. Deniz Güneş Yardımcı

 

 

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