Von Engeln und echten Männern: zwei Lesungen an der Istanbul Universität
So auch am 30. April 2025, als die Romanautorin, Lyrikerin, Übersetzerin und Essayistin Olga Martynova das Seminar zu Erzählkünsten im zweiten Studienjahr besuchte, um aus ihrem jüngsten Roman „Der Engelherd“ zu lesen. Die Vielschichtigkeit des Romans, die die verschiedenen intradiegetischen Geschichten bewirken, veranschaulichte praktisch, was im Unterricht bis dahin Theorie geblieben war. Olga Martynova ergänzte ihren Vortrag durch verschiedene kunsthistorische Engelsdarstellungen, auf die sie sich in ihrem Roman stützte und verdeutlichte dadurch auch die kulturübergreifende Gemeinsamkeit, die die mythologischen Figuren stiften, die außerhalb von Raum und Zeit überall simultan sein und dennoch mithilfe von Engelherden eingefangen werden können, die Anteil nehmen an allen menschlichen Schicksalen, ohne ihre Schutzbefohlenen je wirklich zu begreifen.
Genau einen Monat später, am 30. Mai 2025, kam auf Einladung der Bibliothek des Goethe-Instituts anlässlich des Istanbuler Literaturfestivals der Lyriker Dincer Güçyeter in das Literaturseminar des vierten Studienjahrs, um aus seinem bisher einzigen, bereits 2022 erschienenen Roman „Unser Deutschlandmärchen“ zu lesen. In diesem autofiktionalen Werk erzählt Güçyeter die Geschichte seiner Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Das Buch liest sich in erster Linie als Hommage an seine Mutter, die ihn und seinen Bruder unter immer wieder sehr prekären Bedingungen großzog und unterstützte, auch wenn sie die Sensibilität und die literarischen Interessen ihres Erstgeborenen nicht verstand. Vom anatolischen Land kommend, in der „echte Männer“ nicht weinen, wenn eine Kuh ihr Kalb verliert, hart arbeiten und keine Gedichte schreiben, bildet die Mutter dennoch eine Brücke zwischen beiden Welten. Güçyeter, der zwischen den Leseabschnitten immer das Gespräch mit den Studierenden suchte, schaffte es, das Publikum in eine lebhafte Diskussion zu verwickeln.
Die Impulse und Denkanstöße, die aus solch persönlichen Begegnung mit Literaturschaffenden wie Olga Martynova und Dincer Güçyeter entstehen, sind unschätzbar in ihrer Wirkung auf die Studierenden, für die das Germanistikstudium dadurch konkret, nahbar und lebendig wird.
Dr. Susanne Lorenz

